Die Wirklichkeit ist eine Illusion
Claudia Grünig kommt ursprünglich aus der Malerei. So finden sich auch heute noch viele
Elemente in ihrer fotografischen Arbeit, die diesen Einfluss deutlich zeigen. Der Akt der Schöpfung
ist in beiden Medien derselbe für sie. Experiment, Wahrnehmung und die Kombination unter-
schiedlichster Elemente wandeln sich zur Bildsprache. Ebenso wie sie es in ihren fotografischen
Arbeiten realisiert, verbanden sich in ihrer Malerei verschiedene teils gegensätzliche Elemente der
Wirklichkeit in einer realistischen Malweise. Die Idee, surreale Ereignisse in einem der Abbildung
verbundenen Medium zu verorten, führte sie 2015 von der Malerei zur Fotografie. In der Malerei ist
alles möglich. Sie ist nicht der Wirklichkeit, sondern der Wahrnehmung verpflichtet. In ihr sind
wundersame und surreale Darstellungen keine Überraschung. Fotografien erwecken hingegen den
Anschein die Realität abzubilden, obgleich wir es heute gewohnt sind mit allen erdenklichen
Bildmanipulationen umzugehen, die uns die Einschätzung dessen, was der Wahrheit entspricht,
selbst überlassen. Die Vorstellung, dass Fotografien zunächst eine Realität abbilden, nutzt die
Künstlerin für ihre Fotoarbeiten, um die Illusion in der „Wirklichkeit“ anzusiedeln. Dabei ver-
wendet sie die einzelnen Elemente der Realität als inhaltlichen und kompositorischen Neubeginn.
Claudia Grünigs Fotoarbeiten entstehen im Experiment der Überlagerung mehrerer Ebenen, in
denen einzelne Bildelemente ausgespart werden. Die meisten ihrer Arbeiten sind – im wahrsten
Sinne des Wortes – vielschichtig. In ihnen verbindet sie scheinbar nicht zusammenhängende
Situationen, Personen, Gegenstände und Orte zu einem Bild, in welchem dadurch ein neuer
Bedeutungsinhalt geschaffen wird. In diesem Arbeitsprozess „erfindet“ sie ihr eigenes Foto auf der
Basis der Ursprungsmotive. Bis dahin durchlaufen ihre Bilder jedoch viele Versuche und
unsichtbare Prozesse. Claudia Grünigs Bilder lassen sich bis zu ihrer Entstehung eine geraume Zeit,
bis sie Lust haben sich zu zeigen. Erst dieser fließende, zuweilen herausfordernde, jedoch auch
immer inspirierende Prozess ermöglicht die Entstehung ihrer Bilder. So führt die Bearbeitung die
Künstlerin selbst auch immer wieder zu unbekannten Orten, die sie zuvor nicht zu beschreiben
weiß. Seit Beginn ihrer künstlerischen Arbeit beschäftigt sich Claudia Grünig mit Themen der
Identität und Authentizität. Dabei hinterfragt sie das Verhältnis von Illusion und Wirklichkeit. Unter
verschiedenen Gesichtspunkten entstehen so immer wieder Arbeiten und Zyklen zu den Thematiken
Realität und ihr Double, Realität und Imitation, Realität und Fälschung sowie Illusion und
Wirklichkeit. Durch konsequentes Durchbrechen der Wirklichkeit des Mediums Fotografie und eine
durchdachte, darauf aufbauende bildnerische Komposition, führt Claudia Grünig den Betrachter in
eine Welt, in der uns vertraute Gesetzmäßigkeiten neu angeordnet werden. Es setzt einen Blick auf
sich selbst voraus, ihre Visualisierungen nachzuvollziehen. Claudia Grünig lädt den Betrachter ein,
ihr zu folgen.
Text: Elke Peters